Verbotene Kunst
Acryl auf Leinwand
120 x
Anno 1995
VERBOTENE KUNST
In dem Bild 'Verbotene Kunst' kommt Davood Roostaeis kryptorealistische Malweise in ihrer ganzen Ausdrucksfülle, Formenvielfältig- und transzendierenden Farbigkeit zur Entfaltung. Das 1995 entstandene Gemälde ist Emil Nolde gewidmet, dessen offenes, in die Ferne gerichtetes Gesicht den Bildmittelpunkt bildet. Doch beim näheren Hinsehen erkennt der Betrachter, daß durch das Porträt Noldes zwei andere Gesichtszüge durchschimmern, das schalkhaft visionäre Gesicht von Albert Einstein und das Selbstporträt des Künstlers, der sich als Flüchtling aus dem Iran in Beziehung zu seinem künstlerischen und seinem moralischen Vorbild setzt. Einsteins und Davood Roostaeis Züge treten umso deutlicher hervor, je mehr man sich vorn Bild entfernt. Derselbe Effekt stellt sich bei zunehmender Verdunklung ein.
Stellt man das Gemälde auf den Kopf, erscheint abermals ein Selbstbildnis des Malers, aber nicht für sich, sondern als Teil eines größeres Ganzen. Davood Roostaei bespiegelt sich nicht selbst, er möchte sich in seinen Leitbildern spiegeln und sich vor ihrem Werk selbst den Spiegel vorhalten. In der orientalischen Sinnbildlichkeit dient der Spiegel nicht als Symbol der Eitelkeit wie im Westen, sondern als Zeichen der Wahrheit und der Wahrheitssuche. Das Vexiergesicht teilt sich in eine helle und eine dunkle Hälfte, um zum Ausdruck zu bringen, daß weder Nolde noch Einstein reine Lichtgestalten waren, sondern aus hellen und düsteren Zügen zusammengesetzt sind, die sich gegenseitig ergänzen und bedingen. Doppelgesichtig erscheinen auch die Augen. Aus der Nähe betrachtet erscheinen sie warmherzig und offen. Aus größerem Abstand betrachtet, wirken sie eher schreckhaft aufgerissen. Das Gesicht scheint sich auf zwei ineinander verschränkte Hände zu stützen. Auf den ersten Blick sehen sie wie zwei zum Gebet gefaltete Hände aus, doch bei genauerer Betrachtung erkennt man, daß die Hände gleichsam miteinander ringen - wie zwei widerstrebende Kraftfelder. Augenscheinlich handelt es sich um die Hände eines mit sich selber ringenden Künstlers, die hart und weich zugleich sind, hart im Zugreifen und einfühlsam im Ertasten des Materials.
Wie andere kryptorealistische Arbeiten Davood Roostaeis besteht seine Arbeit 'Verbotene Kunst' nicht aus einem, sondern aus vielen Bildern. Über das Gesamtwerk verstreut, finden sich zahlreiche Anklänge und Zitate aus Noldes Aquarellen. Auffällig ist die Clownsmaske rechts oben, die jedoch ausgesprochen traurig dreinschaut. Noldes Bild „Herbst am See“ wird am unteren Bildrand aufgenommen und gleichsam mythisch überhöht, als wollten die Gegensätze von Feuer und Wasser ineinander verschmelzen. Noldes Mohnblumen sind kryptorealistisch über das ganze Gemälde ausgebreitet. Das Rot der Blüten wechselt dabei mehrere Male in ein blutiges Rot. Dazu kommt eine ganze Fülle von kryptischen Gesichtern, Sterne und Zeichen. Einige wirken von weitem betrachtet, wie Höhlenmalereien, andere wie die Wandkritzeleien kleine Kinder, als wollte der Maler damit an die genetischen Ursprünge aller künstlerischen Darstellungsformen erinnern.
Das ganze Gemälde ist überzogen mit langgezogenen Regentropfen, die wie an einer beschlagenen Fensterscheibe herunterrinnen. Der Hegen versinnbildlicht nicht nur dis Trübsal des Exils und der niederdeutschen Landschaft, er dient zugleich als Symbol der Reinheit und vergegenwärtigt die Tränen, die der Künstler und der Denke in der Einsamkeit ihres Schaffens vergießen müssen, wenn sie ihrem Auftrag treu bleiben wollen.
